Whistleblowing in der TRACKBACK-Show in Radio Fritz vom RBB

Wer heute ab 18.00 Uhr nichts Besseres zu tun hat, sollte mal wieder Radio hören. Denn in der TRACKBACK-Show auf Radio Fritz bei Radio Berlin-Brandenburg (RBB) geht es um Whistleblowing – also um "Geheimnisse in Unternehmen und wie sie verraten werden".
Holgi, Moderator und selbst Blogger, hat mich dazu um meine Meinung gefragt. Also habe ich ihm etwas dazu gesagt. Eigentlich war der Aufhänger die deutsche Whistleblower-Seite Boocompany, zu der ich auch manchmal als "Sentinel" (deutsch: "Wächter" oder "Pförtner") was beitrage und in deren "Ruhmeshalle" ich irgendwie (wirklich völlig unverschuldet!) geraten bin. Weder die Boocompany-CEO lanu noch andere SchreiberInnen dort, wollten dazu im Radio was sagen. Das ist ihr gutes Recht, auch wenn ich die Diskussion dazu eher ätzend und ziemlich arrogant finde.
Boocompany ist ja die Nachfolgerin des (sogar preisgekrönten) Internet-Portals dotcomtod, das – ähnlich wie das US-Vorbild Fuckedcompany.com – während der Zeit der New Economy um die Jahrtausendwende in den PR-Abteilungen und Chefetagen vieler StartUps für Angst und Schrecken sorgte. Denn Insider plauderten dort anonym über Interna in den Unternehmen und kündigten manche Pleite frühzeitig an, während offiziell noch eitel Freude und Sonnenschein herrschte. Für manchen, der seinen Job verlor oder riesige Verluste mit Aktien am Neuen Markt machte, war das Forum ein Ventil, um seinem Ärger öffentlich Luft zu machen. Auch ich habe – wie viele andere Journalisten – dotcomtod damals regelmässig gelesen, weil es dort ungefilterte Informationen direkt aus den Unternehmen gab.
Mit der Wiederbelebung dieser Tradition im Januar 2006 – rechtzeitig zu Beginn des Web 2.0-Hypes – hat es allerdings nie mehr so richtig geklappt. Denn wirkliche Insider-Geschichten sind heute auf Boocompany eher selten. Auch ich kann damit nicht dienen und poste einfach nur schon meist bekannte Sachen, die mich halt ärgern. Seien es Zensurversuche eines Tiernahrungskonzerns oder der Verleih von Demonstranten im Internet.
Auch sonst wird mehr oder weniger nur wiedergekäut oder kommentiert, was es anderswo schon zu lesen gab. Ob es um die bissigen Mitarbeiter-Kommentare im internen Blog von Siemens-Chef Kleinfeld oder die interne Brandmail eine Telekom-Mitarbeiters an den Vorstand über die Stimmung im Konzern geht – veröffentlicht werden sie zuerst nicht bei Boocompany, sondern bei Spiegel Online. Und auch ehemalige Dotcomtod-Aktivisten wie Don alphonso veröffentlichen ihre Enthüllungen wie z.B. über StudiVZ zunächst lieber im eigenen Blog als auf der Whistleblower-Site.
Die Boocompany-Welt ist heute ziemlich künstlich, das wahre Leben spielt sich woanders ab. Beispielsweise im Postboten-Forum, wo sich Beschäftigte des privaten Postdienstleisters Jurex in Berlin gegen Entlassungen und Dumpinglöhne zur Wehr setzen und ihre Erfahrungen austauschen. Das ist in meinen Augen ein authentisches Beispiel dafür, wie wirklich Betroffene die neuen Internet-Möglichkeiten nutzen und in diesem Falle allerlei unappetitliche Dinge ans Licht der Ã-ffentlichkeit bringen, die sonst verborgen geblieben wären.
Solche Beispiele von weitgehend unbekannten Whistleblower-Foren und Weblogs gibt es vermutlich noch viele in den Tiefen des Web 2.0 – wenn Boocompany es schaffen würde, die einer breiteren Ã-ffentlichkeit bekannt zu machen und eine Rolle als "Drehscheibe" zu spielen – auch für die Vertreter der traditionellen Medien, die Stoff für ihre Geschichten suchen – hat das Portal eine Zukunft. Als Spielwiese für eine Handvoll Leute, die nur altbekanntes Zeug mehr oder minder lustig oder bissig formuliert wiedergeben, wird es in der Bedeutungslosigkeit versinken.
Hier noch mal die wichtigsten Links:
Boocompany
Postbotenforum
Hintergrund zu Dotcomtod
Wer die Sendung direkt on Air oder per Livestream im Internet verpasst hat, kann sie auch ab heute Nacht als Podcast (ohne Musik) hören.
Nachtrag vom 26.3.: Jetzt wird es irgendwie ziemlich albern: Bei Boocompany findet eine Volksabstimmung darüber statt, ob Blogger aus dem Netzwerk von Creative Weblogging in Zukunft Hausverbot erhalten sollen? Sippenhaft 2.0.