Weblogs: Erstaunliches von Harald Staun

Weblogs: Erstaunliches von Harald Staun

Sorry, das naheliegende Wortspiel in der Überschrift musste sein. Denn da machen mich das Börsenweblog und Turi2 heute morgen auf einen "Besinnungsaufsatz" (Turi) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) aufmerksam. Dort schreibt Medienredakteur Harald Staun über Weblogs und stellt die Frage "Wo seid ihr?".

Hier zum Beispiel.

Was will der Autor mit seinem Rundumschlag sagen? Dass es zu wenig Blogs in Deutschland gibt ("Drei Prozent der Internetnutzer … betreiben ein Weblog") und dass die Zahl ihrer Leser zu gering ist ("Selbst wenn man von fleißigen Lesern ausgeht, die am Tag zehn verschiedene Blogs besuchen, kommt man im Durchschnitt auf dreißig Leser pro Autor")? Dass es zuwenig Frauen unter den Top-Bloggern gibt ("Zwei Drittel der deutschen Blogger sind weiblich, … ihr Anteil an den erfolgreichsten hundert Blogs beträgt jedoch nur zwanzig Prozent") oder dass in Deutschland eine Kultfigur der Bloggerszene fehlt ("Dass sich aus der Bewegung überhaupt eine Elite der sogenannten Alphablogger herauskristallisiert, ist eher ein Unfall")?

Stauns Hauptkritik ist allerdings die mangelnde Relevanz der Inhalte in den deutschsprachigen Top-Blogs: "Zu den wichtigsten Themen der vergangenen Tage gehörten … die Abmahnungen einer Kochbuchseite wegen der Benutzung urheberrechtlich geschützter Bockwurstbilder, Betrugsvorwürfe bei einem Gewinnspiel des Radiosenders 1-live und ein Aufruf zum kollaborativen Abspecken …". Und der nicht gerade neue Vorwurf, dass sich die Blogger vor allem mit sich selbst beschäftigen.

Der FAZ-Medienkritiker, der in seinem Grundsatz-Artikel viele durchaus richtige Fakten zusammengetragen hat, misst die Bloggerszene in Deutschland an einem sehr hohen Anspruch ("Gegenöffentlichkeit, die die Defizite des klassischen Journalismus ausgleicht") und stellt dann erstaunt fest, dass dieser nicht eingelöst wird und konstantiert ein "Gefühl der Irrelevanz der Blogs". Aber wie relevant sind traditionelle Medien wie die FAS? Und für was?

Alles in allem eine schöne Fleißarbeit und viele wichtige Fragen zum derzeitigen Stand der Blogosphäre in Deutschland. Aber die falschen Schlußfolgerungen daraus.

Der Ratschlag von Harald Staun: "Es wäre an der Zeit, dass sich im langen Schwanz der deutschen Blogs auch Partikularinteressen jenseits von Alltag und Technik einnisten; dass sich ein paar Blogger finden, die sich nicht nur an Kochrezepten und Youtube abarbeiten, sondern an abseitigen Themen wie dem Klimawandel, dem Theater, der SPD oder der deutschen Außenpolitik." Die gibt es doch alle längst (vielleicht nicht immer unter den Top 100, aber trotzdem).

Die Zukunft der Weblogs liegt meines Erachtens ohnehin bei der Konzentration auf Fach- und Nischenthemen. Alleine im deutschsprachigen Teil des Creative Weblogging-Netzwerkes gibt es inzwischen über 30 Blogs, die sich beispielsweise mit Fussball, Haustieren, Kino, RFID-Chips und vielen anderen Bereichen des Lebens auseinandersetzen. Sogar mit dem Klimawandel. Selbstbeschäftigung mit der Blogosphäre – wie gerade hier – ist da echt die Ausnahme,


Posted on Sonntag, Mai 6th, 2007 at 09:28 and is filed under Web 2.0. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

10 Responses to “Weblogs: Erstaunliches von Harald Staun”

  1. .. süffig geschrieben, Herr Staun.

    @ Wolfgang
    Erstaunt es Dich wirklich, dass Staun (man kann schreiben, was man will, da gibts immer ein Wortspiel draus!) die Blogger in Bezug zu den klassischen Medien setzt? Sie am Anspruch der Gegenöffentlichkeit misst? Das kannst Du ihm wirklich nicht vorwerfen, setzen sich doch die Blogger selbst in diese Position. Oder versuchen es zumindest, wie jüngst mit dieser sehr manipulativen Umfrage zu Blogs (http://weblogumfrage.blogsome.com/ oder http://blogmitpep.blogspot.com/2007/04/blog-umfrage-da-stehen-die-resultate.html).

    Wer sich selber in Vergleich stellt, sollte sich nicht beklagen, wenn andere ebenso vergleichen, aber zu einem anderen Resultat kommen.

    Ansonsten bin ich schon Deiner Meinung, vor allem bezüglich der etwas anderen Blogs. Die Top 100 ist kaum ein charakteristischer, und schon gar kein ausschliesslicher Spiegel der Blogosphäre.

  2. elmano sagt:

    “Aber wie relevant sind traditionelle Medien wie die FAS? Und für was?”

    In dem Artikel geht es eben nicht um klassische Medien und ihre Relevanz. Es geht um Blogs und die angebrachte Kritik ist zum größten Teil berechtigt. Sicher haben müssen sich auch klassische Medien nach ihrer Relevanz und Existenzberechtigung fragen lassen. Das ist aber ein anderes Thema!

    Sicher gibt es in Deutschland viele inhaltlich wertvolle Themenblogs. Betrachtet man aber mal die sog. Top-Blogs, – und diese sind nunmal (leider?) für die Außenwahrnehmung entscheidend – stellt man fest, dass diese sich durchaus weitgehend mit sich selbst (im Sinne von Blogs, Computern, Internet, Medien) beschäftigen.

  3. @elmano: Ok, das ist in der Tat ein anderes Thema – aber wenn der Vergleich (den m.E. ein Großteil der Blogger so gar nicht anstrebt) in dem Artikel schon gemacht wird ….

    @Daniela: Ich glaube nicht – trotz der zitierten Umfragen – dass ein wirklich großer Teil der Blogger, diesen Anspruch hat. So betont der im FAS-Artikel genannte A-Blogger Robert Basic z.B. immer wieder, nicht mit einem journalistischen Anspruch zu bloggen. Von daher ist dieser Vergleich und sein Ergebnis m.E. nicht besonders sinnvoll. Es gibt eben nicht “die Blogosphäre” in Deutschland – sondern sehr unterschiedliche BloggerInnen mit recht verschiedenen Ansprüchen. Auch ein Blick in die Top 100 zeigt – von reinem Entertainment über Fachblogs bis zum Enthüllungsjournalisten ist alles vertreten.

  4. Wer bin ich?
    Warum das Schreiben eines Blogs so befriedigend ist

    Für mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation. Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft.

    http://tinyurl.com/27msan

  5. Ich finde übrigens die Sicherheitscodes für die Kommentar-Funktionen abschreckend. Schon zweimal ist es mir passiert, dass ich den Code nicht geknackt habe – trotz mehrmaliger Versuche

  6. Wer bin ich? Habe vor lauter Einlogproblemen vergessen, dass ich auf Niggemeier hinweisen wollte. Sorry

  7. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz sagt heute in der FAZ: “Aber das Begehren der Menschen, an der Erstellung der Publizität selber teilzuhaben, ist unaufhaltsam. Diese Bewegung wird eine Fülle neuer Formate hervorbringen, selbst wenn es Blog morgen nicht mehr geben sollte, was ich nicht glaube.” Die Fragen stellte Holger Schmidt

  8. ein höchstverwunderlicher aber auch aufschlussreicher bericht der faz, und gut kommentiert, vielleicht bis auf den hinweis auf das “Creative Weblogging-Netzwerk”, das sehe ich eher als eigentor.
    wie blogger dem anspruch an “professionellen journalismus” gerecht werden sollen, ist mir ein rätsel, wo doch selbst die arrivierten medien heutzutage zu einem desaströsen anteil aus lediglich kopierten dpa und ap meldungen bestehen.

  9. Thomas Knüwer vom Handelsblatt hat sich den Kollegen aus Frankfurt mal “vorgeknöpft”. Durchaus lesenswert:
    http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1266

  10. mjh sagt:

    Auch nicht zu vergessen sind so nutzwertige Blognetzwerke wie das von insight-infonet… ;-)

    Bloggige Grüße… Michaek

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