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Spiegel treibt Sau durchs Sommerloch: Die Beta-Blogger sind rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell
abgelegt im Archiv abgebloggt von wolfgang am 20.07.08
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Seit Tagen wird nun schon diskutiert, ob Blogs in Deutschland nicht oder noch nicht oder doch funktionieren und ob sie das überhaupt müssen. Da passt es, dass auch das große Nachrichtenmagazin aus Hamburg in seiner aktuellen Printausgabe unter der Überschrift "Die Beta-Blogger" auf drei Seiten nach einem Grund für die geringe Bedeutung deutsche Blogger sucht - und sie laut Peter Turi, der den Artikel schon gestern Abend lesen durfte - auch findet. "Egal, was man über sie schreibt, hinterher wird man von ihnen doch nur verdroschen, weil man nix verstanden oder mit den falschen Leuten gesprochen hat. Ist ein bisschen so, als würde man sich einer Sekte nähern, die in internen Grabenkämpfen versunken ist", zitiert er den Spiegel-Artikel.

Als Beispiele für die deutsche Blogger-Szene werden - zum Teil mit (schönen) Home-Fotos - Stefan Niggemeier mit dem BILDblog ("Bonsai-Blogger gegen den Riesen BILD"), Jens Berger mit seinen Spiegelfechtereien, Mercedes Bunz, Dr. Wolfgang Lieb mit seinen Nachdenkseiten ("Polit-Rentner"), Don Alphonso und ausgerechnet Spiegel-Autor Henryk M. Broder vorgestellt. Der übrigens am 10. Mai 2008 das letzte Mal was in seinem Blog veröffentlicht hat. Fazit der Spiegel-Schreiber: Die deutsche Blogger-Szene ist - im Unterschied zum im Artikel hochgelobten Beispiel USA - "macht- und bedeutungslos, meist unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell"

Wird hier nun endlich die Sau durchs Sommerloch getrieben, die in der bisherigen Diskussion teilweise als identitätsstiftender Faktor so stark vermisst wird? Wieder einmal ein gemeinsames Thema für die deutsche Blogger-Szene, um sich kollektiv aufzuregen und gegenseitig zu verlinken? Wir werden sehen. Ich finde, dass in allen bisherigen Diskussionsbeiträgen zum Thema "Bedeutungslosigkeit der deutschen Blogger" ein Körnchen Wahrheit steckt, sogar in der Polemik des Hamburger Nachrichtenmagazins.

Das Kernproblem (wenn es denn eines ist) in meinen Augen: Bloggen ist in Deutschland in erster Linie ein Hobby. Nicht mehr und nicht weniger. Im Unterschied zu den USA - von der unterschiedlichen Debattenkultur, dem durch die Sprache sehr viel größerem Leserpotenzial und anderen Kleinigkeiten einmal abgesehen - hat hier bisher kein bekannter Journalist seinen (relativ gut bezahlten) Redaktionsjob an den Nagel gehängt und sich mit vollem Engagement daran gemacht, eine eigene Alternative zum etablierten Medienbetrieb aufzuziehen. Mit allen - mitunter auch persönlich negativen - Konsequenzen wie z.B. Arbeiten bis zum Umfallen. Aber natürlich auch der Chance, berühmt, einflussreich und vielleicht sogar reich zu werden.

Die bloggenden Redakteure in Festanstellung - wie z.B. Thomas Knüwer oder Olaf Kolbrück - haben sich in ihrer Nische erfolgreich eingerichtet. Selbst wenn sie mit ihren recht gut geschriebenen Blogs noch ein paar Tausend Leser mehr am Tag erreichen und die Vermarktung von Anzeigen funktionieren sollte (was sie nicht tut), werden sie mit einem eigenen Blog nicht soviel Geld verdienen, dass das an ihr jetziges Gehalt heranreicht. Und den Freiberuflern unter den Journalisten geht es - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht viel anders: Das Blog ist zwar eine schöne Möglichkeit, um seine Meinung mitzuteilen, und auch ein Mittel zur Selbstvermarktung. Aber letztendlich bleibt es ein zeitaufwendiges Hobby, die Brötchen müssen woanders verdient werden. Da hilft auch ein kleiner Zuschuss der VG Wort nicht wirklich weiter.

Ob sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern wird? Ich glaube nicht. Für eine deutschsprachige "Huffington Post" oder ein Pendant zu "Techcrunch & Co" wird die Zeit hier zu Lande vielleicht nie reif. Und ob tatsächlich einmal ein Politiker in Deutschland wegen einer Blog-Enthüllung seinen Hut nehmen muss? Wer weiß? Aber muss das überhaupt sein, damit Blogs auch bei uns funktionieren? Es reicht doch aus, wenn Leute mit Spaß ihrem Hobby nachgehen und dafür auch noch Leser finden. Wenn Experten auf einem Gebiet ein leicht zu bedienendes Forum haben, um ihr Wissen anderen Interessenten mitzuteilen. Oder wenn Firmen über diesen Weg in einen echten Dialog mit ihren Kunden treten.

Das ständig Schielen in die USA oder andere Länder, was die Bedeutung von Weblogs angeht, bringt nichts. Jede Gesellschaft hat die Blogkultur, die sie verdient. Damit werden wir uns wohl abfinden müssen.

Übrigens: Ich sehe gerade auf dem Zähler, dies hier ist tatsächlich das Posting Nr. 1111 in diesem Blog. Da habe ich doch bisher schon recht lange durchgehalten. Obwohl es immer noch nicht so recht funktionieren will mit dem Berühmtwerden.

Nachtrag: Die Sauhatz beginnt - u.a. in Medienlese, im Tivoli-Blog und bei mapumedia.

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Tags: Blogger  Spiegel  Blogosphäre 
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