Sind die Massen schlau und die Chefredakteure dumm?
abgelegt im Archiv Web 2.0 am 13.09.07
Die Themenauswahl, die Nachrichtenkonsumenten auf User-Generated-Content-Websites wie digg.com oder yigg.de selbst treffen, unterscheidet sich deutlich von den Schlagzeilen der traditionellen Medien. Das ist das Ergebnis einer Studie des amerikanischen Pew Research Centers.
Die Forscher dort haben über einen Zeitraum von sieben Tagen die Schlagzeilen in 48 unterschiedlichen Mainstream-Medien aus den Bereichen Print, TV, Radio und Online mit der Themengewichtung der beiden Nachrichtenportale Reddit und Digg sowie des Social-bookmark-Dienstes Del.icio.us verglichen. "Es zeigt sich dabei die Tendenz, dass Leser interessante Artikel aus einer großen Menge roher Information aussieben und dabei Gerüchte, Klatsch, Propaganda und Nachrichtenmeldungen vermischen", sagt Studienautor Tom Rosenstiel.
Sieben von zehn Artikeln mit der höchsten User-Bewertung stammten nicht aus den klassischen Nachrichtenmedien, während sich nur fünf Prozent der Meldungen mit den zehn Themen deckten, die landesweit die meiste Berichterstattung in den etablierten Medien erfuhren. Während beispielsweise dort die Nachrichten in der Woche der Untersuchung vom Irakkonflikt und der Immigrationsdebatte bestimmt wurden, interessierte sich das Online-Publikum eher für den Konsolenkrieg zwischen Nintendo und Sony und die Vorstellung des Apple iPhones.
Ein Blick auf die Einstiegsseite von Yigg (siehe Screenshot) zeigt, dass sich diese Ergebnisse wohl auch auf Deutschland übertragen lassen. Das Knasturteil gegen den Münchner Abmahnanwalt Günter Freiherr von Gravenreuth wird es wohl kaum auf die Tielseiten der Tageszeitungen schaffen (höchstens bei der unmittelbar betroffenen taz). Und auch die russischen Vakuum-Waffen oder die Chemtrails-Verschwörungstheorien, die bei den Yigg-Nutzern hoch im Kurs stehen, sind den herkömmlichen Medien vermutlich keine große Story wert.
Aber was will uns die Studie sagen? Sind die Massen wirklich schlauer als die Redaktionen und "wissen die Chefredakteure nicht, was Leser wollen" (so die Überschrift einer Meldung bei silicon.de)? Hätte also ein Blatt (oder ein Webportal), das hauptsächlich Online-Szenenachrichten, Gerüchte und Klatschgeschichten bringt, die besten Chancen zum Überleben und Geldverdienen?
Vermutlich nicht. Die Unterschiede zwischen den User-Generated-Content-Websites und den "normalen" Medien, bei denen eine Redaktion die Nachrichten auswählt, kommen vermutlich aus einem ganz anderen Grund zu Stande: Die User haben einfach keine Lust, sich in den nutzergenerierten Newsportalen eine 1:1-Kopie der etablierten Zeitungen oder TV-Nachrichten zusammenzuklicken und stimmen deshalb eher für "abseitige" Themen. Und das macht ja auch den Reiz von Yigg & Co. aus.
Vermutlich wird deshalb auch der Ansatz etlicher Verlage, ihre Online-Nachrichtenportale mit Abstimmungsbuttons für die diversen Web 2.0-Dienste auszustatten und so wieder die Hoheit über die Nachrichtenpräsentation dort zurückzugewinnen, nicht funktionieren.
Tags: yigg digg
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