Microsoft-Dossier über bloggenden Journalisten

Robert Basic hat vor einiger Zeit einmal in seinem Blog die Frage gestellt, "ob es Sinn macht, bei Monitoring- und PR-Agenturen anzufragen, welche Daten zu einem Blog gespeichert und ausgewertet wurden?" Vielleicht sollte er auch mal in den Presseabteilungen großer Unternehmen nachfragen, speziell beim führenden Softwarekonzern der Welt.
Das hat nämlich der US-Journalist und Blogger Fred Vogelstein getan, als er für das Magazin Wired eine Titelgeschichte über "Microsofts angebliche neue Offenheit im Internet" recherchierte. Dabei erhielt er (zufälligerweise) auch die komplette Akte, die das Unternehmen und die von ihm beauftragte PR-Agentur Waggener Edstrom heimlich über ihn führt.
In seinem Blog berichtet er nun was er beim Lesen empfand und veröffentlichte außerdem das komplette Dossier. So werden darin seine Interviews als "eher weitschweifig und langatmig" charakterisiert. Außerdem wurden möglichen Gesprächspartner vorgewarnt: "Er braucht lange, um sich verständlich zu machen – man sollte also versuchen, geduldig zu bleiben."
Der Chef von Waggener Edstrom Worldwide Frank X. Shaw, der auch das Microsoft-Team der Agentur leitet und für die weltweiten PR-Aktivitäten in diesem Zusammenhang verantwortlich zeichnet, bloggt auch aus dem Glashaus und hat inzwischen auf das Posting Vogelsteins reagiert. Alles nicht so schlimm, findet er. Es handele sich auch gar nicht um ein Geheim-Dossier, sondern um Briefing-Unterlagen für die Microsoft-Mitarbeiter – damit die sich besser auf die geplanten Interviews vorbereiten konnten. Das sei schließlich auch im Interesse des Journalisten, damit der nicht gelangweilt würde.
Wired-Chefredakteur Chris anderson, dessen Person in dem Memo ebenfalls eingeschätzt wird, weist in seinem Blog auf die Kulturunterschiede innerhalb von Microsoft hin: "Auf der einen Seite die beeindruckende Blogger-Initiative mit 3500 Mitarbeitern, die über ihre Blogs mit den Kunden direkt kommunizieren". Und auf der anderen Seite der Versuch, die Kommunikation "geradezu fanatisch unter Kontrolle zu behalten".
Aber vielleicht ist der Versand des Dossiers im Anhang einer Mail an den Journalisten und Blogger vielleicht ja auch schon Ausdruck der "neuen Transparenz", die sich Microsoft auf die Fahnen geschrieben hat.
Wobei: “Er braucht lange, um sich verständlich zu machen” für einen Journalisten (so es denn stimmen mag) natürlich schon ein Blattschuss ist. Kann man sich eigentlich nicht erlauben, als Journalist.
Nun ja, da ich aber immer an das Gute glaube – gehe ich davon aus, dass es nur Briefing-unterlagen mit Servicecharakter sind…
*nudge,nudge,saynomore*
“geradezu fanatisch unter Kontrolle zu behalten”
Wieso “unter Kontrolle zu halten”? In meinen Augen ist dieses Vorgehen von Microsoft nicht nur legitim, sondern – wie ich vermute – auch Gang und Gäbe. Da wird mal wieder heisser gekocht als gegessen.
Oooppps! Sollte die Siemens AG ähnlich ticken wie Microschrott, dann müssen die Kommunikatoren am Wittelsbacherplatz gleich drei Dossiers über mich anlegen:
1. kritischer Aktionär
2. Gewerkschafter
2. Journalist
Ich wünsche viel Spaß dabei.