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Konsolidierung bei Open-Source-Unternehmen?
abgelegt im Archiv Gastkommentare von wolfgang am 19.04.06
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Gastkommentar von Dr. Thorsten Wichmann* Oracles Larry Ellison hat es wieder mal auf die vorderen Seiten der Wirtschafts- und IT-Presse geschafft. Mit der Ankündigung in einem Financial-Times-Interview, die Übernahme eines Linux-Spezialisten wie Novell zu prüfen, um den eigenen Kunden ein komplettes Paket aus Betriebssystem, Anwendungen und Services anbieten zu können, trägt er dazu bei, die gegenwärtigen Übernahme- und Fusionsspekulationen in der IT-Industrie am Laufen zu halten.

Besonders die Mitarbeiter in Open-Source-Projekten dürften diese Übernahme- und Konsolidierungswelle mit Skepsis betrachten. Schließlich war erst diesen Monat der Anbieter des Open Source Application Servers JBoss von Red Hat gekauft worden. Auch IBM war im vergangenen Jahr bereits mit dem Aufkauf von Gluecode, einem auf den Apache Geronimo Application Server fokussierten Open-Source-Unternehmen, als Aufkäufer aktiv. Und Oracle ist schon länger als Käufer im Open-Source-Umfeld unterwegs: Innobase, ein kleiner Datenbankhersteller, dessen Storage Engine InnoDB auch in der Open-Source-Datenbank MySQL eingesetzt wird, wurde vor einigen Monaten erworben. Auch den Kauf von MySQL selbst soll Oracle bereits versucht haben.

Sind diese Aufkäufe womöglich ein Zeichen dafür, dass bei der Verquickung von Open-Source-Modell und kommerziellen Interessen tendenziell letztere die Oberhand gewinnen und man als Open-Source-Projekt lieber auf eine strikte Trennung von wirtschaftlichen Zielen und der Entwicklung von Open Source Software setzen sollte? Oder ist die gegenwärtige Konsolidierung eine natürliche, und womöglich sogar vorteilhafte Entwicklung? Gibt es vielleicht auch Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Open Source Software?

Da ist zunächst einmal die Gruppe der großen, etablierten Open-Source-Projekte, zu denen natürlich Linux zählt, der Webserver Apache und die damit verbundenen Projekte, die Entwicklungsplattform Eclipse und viele weitere. Diese Projekte sind groß und bekannt; die von ihnen produzierte Software ist mittlerweile ein etablierter Bestandteil vieler IT-Lösungen, auch in Unternehmen. Und an der Weiterentwicklung sind meistens viele etablierte IT-Anbieter beteiligt, so dass Einzelne geringere Einflussmöglichkeiten haben als bei Kleinprojekten. Konsolidierungen in dieser Gruppe sind meistens (organisatorische) Zusammenführungen von Projekten - etwa in der Apache Software Foundation - aber keine richtigen Übernahmen und Verbindungen mit rein kommerzieller Software. Von den gegenwärtigen Open-Source-Übernahmeaktivitäten ist diese Gruppe also kaum betroffen.

Das gilt auch für die zweite Gruppe, die zahlreichen kleineren Projekte. Fast 120.000 Projekte listet die Internet-Plattform Sourceforge mittlerweile, die meisten davon sind relativ klein. Viele dieser Projekte sind einfach kommerziell nicht interessant, sei es weil die Programmierer kein Interesse an einer kommerziellen Auswertung haben, weil es ihnen schwer fällt, mögliche Kundenwünsche höher einzuordnen als ihren eigenen Spaß am Programmieren oder weil sich die Softwarelösung nur schwer kommerziell verwerten lässt (etwa Filesharing-Software). Trotzdem können solche Projekte natürlich hoch interessant und wichtig sein, nur eben nicht als Übernahmekandidat.

Und das lässt eine dritte Gruppe als Hauptkandidat für Übernahmen übrig bleiben: die Unternehmen, die von ihrer Gründung an versucht haben, auf der Basis von Open Source Software lukrative Geschäftsmodelle zu verwirklichen. Neben Branchengrößen wie Red Hat oder Novells Linuxgeschäft zählen dazu auch kleinere Unternehmen wie SugarCRM (CRM Software), JasperSoft (Reporting Tools) oder Zimbra (Collaboration Suite). Ein wirtschaftlich ausgerichtetes Denken - und damit auch die akzeptanz wirtschaftlich interessanter Aufkäufe und die Auseinandersetzung mit Marktentwicklungen wie einer Konsolidierung - hat in diesen Unternehmen eine sehr viel größere Bedeutung als in den beiden anderen Gruppen. Das Open-Source-Modell ist bei einem Teil - nicht bei allen - dieser Unternehmen eher ein Mittel zum Zweck, mit dem sich die eigene Geschäftsidee am besten umsetzen lässt.

Viele der Open Source Startups, die in der jüngsten Zeit vor allem in den USA mit Ausrichtung auf Unternehmenssoftware gegründet wurden, zählen zu dieser Kategorie. Hier dürften auch in der Zukunft noch weitere Übernahmen erfolgen. Gerade für die mit Venture Capital finanzierten Startups ist der Aufkauf oft auch Teil der Unternehmensstrategie. Schließlich sind längst nicht alle Gründungsideen interessant genug für den Gang an die Börse.

Der Open-Source-Idee werden solche Übernahmen kaum schaden, ganz im Gegenteil. Denn in der Zeit ihrer eigenständigen Existenz zeichnen sich viele dieser Unternehmen dadurch aus, OSS besonders stark an den Bedürfnissen von Unternehmen auszurichten. Davon können letztendlich auch andere Open-Source-Projekte profitieren. Außerdem stellen die besten Projekte auch eine Konkurrenz zu rein kommerzieller Software dar, was deren Preise drückt und ihre Anbieter zu Innovationen zwingt. Und schließlich sind Aufkäufe - also die Konsolidierung - nur ein Teil der Marktdynamik. Denn es werden auch weiter neue Open-Source-Projekte und Open-Source-Unternehmen gegründet.

Und davon profitiert dann letztendlich auch Larry Ellison, der seine gegenwärtige Einkaufstour fortsetzen kann. Schließlich ist Oracle durch seine starke Fokussierung auf Linux mit Open-Source-Chancen und -Herausforderungen besser vertraut als so manches andere große Softwarehaus.

*Dr. Thorsten Wichmann ist Gründer und Geschäftsführer von Berlecon Research. Er forscht und publiziert seit Beginn der 90er Jahre zur Entwicklung und den wirtschaftsrelevanten Auswirkungen neuer Medien und Informationstechnologien. Er betreibt ein eigenes Weblog.

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Tags: Oracle  JBoss  open  source  unternehmen  open+source  source+unternehmen  konsolidierung+open 
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