Kalender 2.0: Keine Langeweile

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Gastkommentar von Dr. Thorsten Wichmann* Kalender scheinen auf den ersten Blick eine recht langweilige Art von Software zu sein. Man möchte einfach nur seine Termine und Aufgaben organisiert eintragen, über verschiedene Ansichten darauf zugreifen und die Kalenderinformationen mit Kollegen oder Freunden intelligent austauschen. Und in der Tat: Die bekannten Groupware-Anwendungen wie Microsoft Outlook und Exchange (Kalender-Client und -Server), IBM Lotus Notes, Novell Groupwise oder die Oracle Collaboration Suite erfüllen diese Anforderungen im Großen und Ganzen für die meisten Unternehmen schon seit Jahren.

Dementsprechend ruhig ist es um diese Art von Software geworden. Das ändert sich aber gerade durch eine neue Generation von Kalendersoftware. Ein Treiber hinter den neuen Entwicklungen sind geänderte Anforderungen der Nutzer. Insbesondere gewinnt der kontrollierte Austausch von Informationen an Bedeutung. Teams etwa, die Mitarbeiter aus mehreren Unternehmen vereinigen, werden in vielen Unternehmen immer wichtiger.

Damit steigt auch die Notwendigkeit, dass sie Kalender- und Aufgabeninformationen innerhalb des Teams einfach austauschen können – und zwar mit den schon genutzten Anwendungen und nicht auf einer spezifischen Extranet-Site. Interoperabilität zwischen den (im Zweifelsfall verschiedenen) Groupware-Anwendungen unterschiedlicher Unternehmen wird also wichtiger.

Ähnlich ist es bei Privatpersonen. Wer vor fünf Jahren keine Alternative zum Filofax und der Kalendertafel an der Kühlschranktür hatte, kann jetzt seine Termine im PDA organisieren, auf dem PC in der Lieblingssoftware ablegen (z.B. Outlook, iCal, Evolution) oder einen Online-Kalender benutzen. Auf den sollten dann auch andere Familienmitglieder zugreifen und ihn auch mit ihren eigenen Terminen organisieren können. Zudem sollten private und geschäftliche Kalender integriert werden können.

Die Softwarebranche – Open-Source-Entwickler wie auch kommerzielle Unternehmen – hat diese neuen Anforderungen in den vergangenen Jahren nur unbefriedigend erfüllt. Teilweise waren die Anbieter auch mit anderen Problemen beschäftigt. Viele kleine Groupware-Anbieter waren schon damit ausgelastet, ihre Software an die neuen Betriebssysteme der letzten Jahre anzupassen oder neue Möglichkeiten des Internets (etwa E-Mail-Benachrichtigungen) sinnvoll in ihre älteren Client-Server-Systeme einzubauen. Nicht alle haben ausreichend Ressourcen gehabt, um dies im Wettbewerb mit den großen Groupware-Anbietern erfolgreich umzusetzen.

Die Open Source Community hat sich stark darauf positioniert, Alternativen zu Microsofts Outlook und Exchange zu entwickeln. Dabei sind zum einen reine Web-Anwendungen entstanden, die sehr simple Kalenderprogramme darstellen. Komfortabel zu nutzen sind viele dieser Anwendungen nicht, auch weil man ihnen häufig ansieht, dass Techniker die Aufgabe des Webdesigns übernommen haben.

In einer anderen Gruppe von Projekten entstand Software, die eine ähnliche Funktionalität wie der Outlook Client, der Exchange Server oder beides liefert, aber eben als Open Source Software wesentlich preisgünstiger ist. Einige dieser Projekte waren recht erfolgreich, andere haben auch in mehreren Jahren noch nicht die Version 1.0 erreicht. Viele sind keine reinen Open-Source-Projekte, sondern enthalten auch rein kommerzielle Bestandteile.

Die kommerziellen Anbieter von Groupware schließlich haben in den letzten Jahren viel Energie in die Weiterentwicklung der Web Clients für ihre Software gesteckt. So ist der aktuelle Outlook Web Access Client von Microsoft den Vorgängerversionen wirklich deutlich überlegen und kann in einigen Szenarien auch den Fat Client Outlook komplett ersetzen.

In diese Landschaft der gemächlichen Weiterentwicklungen existierender Groupware kommen jetzt die neuen Kalender 2.0 Anwendungen und versprechen eine neue Dynamik in der Kalender-Szene. Bekanntester Anbieter ist wieder einmal Google, der kurz vor Ostern, und damit bei uns relativ wenig beachtet, seine erste Betaversion des webbasierten Google Calendar freigeschaltet hat.

Aber Google ist bei weitem nicht allein: Weitere Unternehmen wie 30 Boxes, AirSet, HipCal, Kiko Calendar, Spongecell, Trumba oder Zimbra versuchen, mit neuen Ansätzen eine Position im Markt für Kalenderdienste und -software zu erobern – oder sich zumindest in eine gute Position zu bringen, um von Google, Microsoft oder Yahoo aufgekauft zu werden.

Die Anbieter lassen sich alle dem viel zitierten Web 2.0 zuordnen, also dem nach der New Economy zweiten Versuch, auf Basis von innovativen Webtechnologien neue Unternehmen und Geschäftsmodelle zu etablieren. Die wichtigste Neuheit an diesen Kalendern ist die Nutzung von AJAX, einem (zuerst Ende der 90er von Microsoft umgesetzten) Konzept, das in der Kommunikation von Web Client und Web Server ermöglicht, nur Teile einer Website nachzuladen.

Das beschleunigt interaktive Web-Anwendungen so sehr, dass der Nutzer im Idealfall kaum noch den Unterschied zu einem auf dem PC installierten Fat Client merkt. Durch Ausnutzung der heutigen Möglichkeiten von Webtechnologien funktionieren aber auch andere Dinge, die das Leben erleichtern, etwa das Per-Maus-Ziehen eines Termins von einem Tag auf einen anderen (Drag & Drop). Ältere Webkalender bieten diese Möglichkeiten nicht.

Neu ist auch die starke Unterstützung des Informationsaustauschs. Aus den meisten neuen Anwendungen können ganze Kalender Kollegen, Freunden oder Familienmitgliedern per iCal oder RSS zur Verfügung gestellt werden — auch zwei Standards, die erst im Umfeld des Web 2.0 richtig an Bedeutung gewonnen haben.

Welche Bedeutung die neuen Kalender bekommen können, ist noch nicht wirklich klar und nicht zuletzt abhängig von deren Geschäftsmodell. Die meisten Dienste sind auf Konsumenten gerichtet, nur Zimbra spricht explizit Unternehmen mit ihren speziellen Anforderungen an. Konsumentendienste zu vermarkten ist aber teuer, wie die New Economy gezeigt hat.

Den Anbietern dürfte zunächst entgegenkommen, dass die bisherige Entwicklung nicht viel Geld verschlungen hat. Laut Presseberichten ist etwa 30 Boxes innerhalb von drei Monaten für weniger als 20.000 US$ entwickelt worden. Dabei wird es aber nicht bleiben: Alleine die Unterstützung der Synchronisierung mit mobilen Anwendungen oder typischer Kalendersoftware – nach beidem verlangen die Kunden – wird einiges an Arbeit und Geld verlangen. Große Unternehmen wie Google haben da bessere Voraussetzungen als junge Startups.

Besonders interessant werden die Auswirkungen der neuen Kalenderanbieter auf die etablierten Groupware-Produzenten sein. Zum einen werden die Newcomer die Etablierten weiter zur Innovation und Verbesserung der Nutzbarkeit antreiben. Trotz der Weiterentwicklungen der letzten Jahre gibt es hier noch einiges an Ausbaupotenzial. Zum anderen könnten neue Kalenderanwendungen wie etwa Zimbra sich aber auch zu starken Konkurrenten entwickeln – besonders, wenn es sich bei den Anwendern um kleinere Unternehmen handelt.

Die große Ungewissheit bleiben aber Google und natürlich die Wettbewerber Yahoo und Microsoft. Alle könnten in der Zukunft gegen Entgelt leistungsfähige Kalenderdienste als "Software as a Service" anbieten, die den reinen Softwareproduzenten das Wasser abgraben. Die nahe Zukunft wird deshalb sicher den einen oder anderen Versuch in diese Richtung zeigen, der mit Spannung verfolgt werden wird. Da sage noch einer, Kalender seien langweilig.

*Dr. Thorsten Wichmann ist Gründer und Geschäftsführer von Berlecon Research. Er forscht und publiziert seit Beginn der 90er Jahre zur Entwicklung und den wirtschaftsrelevanten Auswirkungen neuer Medien und Informationstechnologien. Er betreibt ein eigenes Weblog.


Posted on Mittwoch, April 26th, 2006 at 20:13 and is filed under Gastkommentare. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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