CeBIT 2006: Das Handy wird zum mobilen Fernseher

CeBIT 2006: Das Handy wird zum mobilen Fernseher

Professor Ulrich Reimers, Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik der TU Braunschweig, ist optimistisch: "Die Einführung von Handy-TV geht ratzfatz – noch in diesem Jahr." Der Startschuss soll auf dem CeBIT-Gemeinschaftsstand in Halle 11 fallen. Dort präsentiert Prof. Reimers den Standard DVB-H (Digital Video Broadcast – Handheld), der im Auftrag von fünf norddeutschen Landesmedienanstalten entwickelt wurde und in 30 Testnetzen international seit zwei Jahren erprobt wird – von New York in den USA über Italien, Finnland bis Norddeutschland. "Die Vereinigten Staaten haben die Einführung bereits beschlossen", sagt Reimers. Auch Australien und China seien stark interessiert.

Bei DVB-H finden die umfangreichen Datenpakete ihren Weg über eine digitale Fernsehfrequenz. Bis zu 20 Sender können so ausgestrahlt werden, außerdem verfügt diese Technologie über einen digitalen Rückkanal. Damit wären beispielsweise interaktive TV-Sendungen oder M-Commerce-Anwendungen realisierbar. Der Pferdefuß: Der Aufbau einer DVB-H-Infrastruktur ist relativ aufwändig.

Die konkurrierende Technologie DMB (Digital Multimedia Broadcasting) kann dagegen für sich den enormen Vorteil verbuchen, dass sie auf der bereits bestehenden Infrastruktur für Digitales Radio (DAB) aufsetzt. Damit wäre ein flächendeckender Ausbau vergleichsweise schnell und günstig machbar. Für das Handy-Fernsehen würden einfach ungenutzte Digital-Radio-Frequenzbereiche genutzt. Allerdings hat auch dieses System einen wesentlichen Haken: Höchstens drei bis vier TV-Programme können über DMB ausgestrahlt werden.

Welche Technologie sich hierzulande durchsetzen wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Die für die Zuteilung der Frequenzen zuständigen Landesmedienanstalten wollen deshalb beide Formate in den nächsten Monaten ausgiebigen Tests unterziehen. Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Bremen und Hamburg favorisieren DVB-H und wollen bereits zur Fußball-WM den Sendebetrieb aufnehmen. Bayern und Baden-Württemberg testen demnächst DMB.

Halten sich die Landesmedienanstalten an eine Empfehlung der übergeordneten "Gemeinsamen Stelle Programm, Werbung und Medienkompetenz (GSPWM)", so wird das privat finanzierte Unternehmen "Mobiles Fernsehen Deutschland" (MFD) aus Düsseldorf in allen 15 Bundesländern den Zuschlag für den DMB-Testbetrieb erhalten. Realistisch betrachtet wird DMB aber selbst in diesem Fall vorerst auf die Austragungsorte der WM-Spiele beschränkt bleiben.

Aufbauend auf den Erfahrungen aus diesem Testbetrieb könnte später ein landesweites DVB-H-Netz errichtet werden und parallel zu der dann bereits existierenden DMB-Infrastruktur in Betrieb gehen. Ob auf Dauer beide Verfahren gleichberechtigt nebeneinander existieren oder sich eines davon gegen das andere durchsetzen wird, ist allerdings offen.

Ausprobiert werden kann das mobile Fernsehen aber schon auf der diesjährigen CeBIT: Am Stand A31 in Halle 26 zeigt Siemens Communications live, wie das Ganze funktioniert und welche Innovationen die Handy-Benutzer erwarten können. Siemens favorisiert dabei ganz eindeutig DVB-H.

Auf der Messe können mehrere Endgeräte-Prototypen mehrerer Hersteller und Mobilfunkunternehmen getestet werden – zu sehen sind Fernsehprogramme unter anderem von ARD, ZDF, Sat1 und DSF. Am Stand von Siemens selbst wird nicht nur das komplette Mobile-Broadcasting-Equipment gezeigt, sondern auch, wie sich die Zuschauer mit Siemens-Technik über Mobilfunkverbindungen interaktiv in das Programm einbringen können – etwa am Beispiel eines Städtequiz.

Zu den Endgeräte-Premieren auf der CeBIT zählt das Sagem-Modell "My-Mobile-TV". Das Handy ist mit einer 1,3-Megapixel-Kamera sowie einem großen 40-Megabyte-Speicher ausgestattet und empfängt Fernsehsignale über DVB-H. Dazu ist an dem Handy eine nach unten ausziehbare antenne angebracht. Auch Nokia präsentiert mit dem N92 ein Modell mit eingebautem DVB-H-Empfänger, während Samsung und LG Mobile mehrere DMB-Geräte zeigen werden.

Auch BenQ Mobile (Formerly Siemens Mobile) zeigt auf der CeBIT 2006 mehrere gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) entwickelte DVB-H-Geräte. Die Empfänger sollen einen ersten Eindruck von zukünftigen BenQ Mobile-Produkten mit integrierter Fraunhofer IIS DVB-H-Software vermitteln. Sie sollen 2007 auf den Markt kommen.

"Die Fraunhofer IIS DVB-H-Technologie ermöglicht Verbrauchern mobiles Fernsehen überall auf tragbaren BenQ Geräten. Inhalteanbieter profitieren von der sicheren "bertragung ihrer Premium-Inhalte", verkündet Dr. Nikolaus Färber, Gruppenleiter Multimedia Transport am Fraunhofer IIS.

Die Mobilfunkbranche stellt sich offensichtlich auf beide Systeme ein, ebenso wie die Telekom-Tochter T-Systems. Sie setzt zwar zunächst auf DMB, hält sich aber alle technischen Türen offen: 'Wir verfolgen eine Strategie der Kunden orientierten Technologieführerschaft und können beide Techniken umsetzen', erklärt Dr. Bertold Heil, Leiter Strategie- und Geschäftsent­wicklung Media & Broadcast. Letztendlich werde der Markt entscheiden.


Posted on Sonntag, März 5th, 2006 at 12:49 and is filed under CeBIT 2006. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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