Auch die Tourismusindustrie entdeckt Web 2.0

"Wir suchen Menschen, die uns erzählen, was sie in London, Berlin oder auf Ibiza erlebt haben", wird Michael Ohm, Geschäftsführer von TUI interactive in Hannover, zitiert. Angst vor zu vielen kritischen Einträgen habe er nicht: "Die Zahl derer, die meckern, ist kleiner als die, die etwas gut finden." Was eine gute und was eine schlechte Bewertung ist, sei schließlich auch subjektiv: "Wenn einer über ein Hotel auf mallorcalinks schreibt, es sei laut, chaotisch, und die ganze Nacht war Alarm, schreckt die einen das ab, die anderen wollen genau deswegen dahin." Entscheidend sei die authentische Einschätzung.

Eine Zensur soll es deshalb laut Ohm nicht geben: Alle Beiträge sollen, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen, ohne redaktionelle Eingriffe online gehen. "Wenn etwas zensiert wird, kommt das raus", sagte Ohm. "Die Web-Gemeinde reagiert in solchen Fällen sehr sensibel. Das wird dann sofort in etlichen anderen Foren diskutiert." Andererseits würden dort auch Beiträge, die beispielsweise sprachlich ins Obszöne abgleiten, automatisch "gnadenlos schlecht bewertet". Die Reiseberichte sind dabei Ohm zufolge nur die erste Stufe des Web-2.0-Projektes. "Wir nutzen die Informationen auch zur Produktentwicklung, um zu sehen: Wo gehen Trends hin, wo passiert was?"

Auch der Thomas-Cook-Konzern in Oberursel plant laut dpa ein solches Angebot: "Im Lauf der nächsten Wochen und Monate" sollen Hotelbewertungen und Tipps von Kunden, später dann ganze Erfahrungsberichte, Fotos und Videos den Weg auf die Firmenhomepage finden. "Die genaue technische Lösung steht noch nicht fest", sagte Sprecher Mathias Brandes der Nachrichtenagentur. Ein Administrator werde zwar auf die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen achten. "Solange Kritik logisch, authentisch und nicht unsachlich ist, ist sie aber auch in Ordnung." Das Unternehmen sei schließlich abhängig vom Feed-back der Urlauber.

Es darf aber laut dpa bezweifelt werden, dass schonungslose Härte die Regel ist. "Aufrichtige Kritik wird bei solchen Angeboten nur ganz am Rande entstehen", zitiert die Agentur Prof. Winfred Kaminski vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der Fachhochschule Köln. Die Firmen hätten kein Interesse daran, sich auf ihrer Homepage "nass regnen" zu lassen. Der Wissenschaftler hält "ein Stück Vorbehalt und kritisches Misstrauen" auf Seiten der Nutzer deshalb für angebracht. Hintergrund sei, dass auf solchen Plattformen "mit gezinkten Karten gespielt" werde: "Man behauptet als Unternehmen zwar, dass der Zugang allen Nutzern offen ist. Nur weil im Internet alles offen zugänglich ist, ist es deswegen aber nicht objektiv." Vielmehr sei das Internet anfällig dafür, dass dort Inhalte "bewusst inszeniert" werden.

Im Themenblog von Mark Pohlmann hat darüber eine Diskussion begonnen. "Die Kunden haben längst das Web 2.0 entdeckt. Jetzt müssen eben auch die Veranstalter selbst ran ans Thema. Daß jetzt aber ausgerechnet sie von Authentizität schwärmen, ist wohl eher Ausdruck des wirtschaftlichen Drucks, als echte Überzeugung. Warum sonst entdecken sie die Macht der Meinung so spät?", fragt der Blogger. Egal, besser spät als nie. Wobei für mich Plattformen wie der Trip-Advisor als unabhängige Portale deutlich glaubwürdiger sind, als ein Web 2.0-Angebot eines Reiseveranstalters.


Posted on Donnerstag, Januar 18th, 2007 at 12:47 and is filed under Web 2.0. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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